Die Leier von Trossingen
Nicht nur das Leben, auch die Geschichte bietet manchmal ausgesprochene
Glücksfälle. Einem geologischen Glücksfall verdankt die Archäologie einen
Jahrhundertfund: die einzige vollständig erhaltene Leier des 6. Jahrhunderts
aus dem Grab eines vornehmen Alemannen in Trossingen.
Fundlage der Leier im Grab Nr. 58, auf dem Areal der Firma Hohner
(Omen oder Zufall), dem bekannten Mund- und Ziehharmonika Hersteller.
Es liegt Musik in der Luft!
Bild oben aus: Barbara Theune-Grosskopf; Die vollständig erhaltene Leier des 6. Jh.
aus Trossingen, Ldkr. Tuttlingen (Grabung 2001/2002)
Nachbau einer Leier
Als Bogenbauer eine Leier herzustellen bedarf mehr Wissen, als die Zusammenhänge zwischen
Pfeilbogen und Saiteninstrument zu erkennen! Also belegte ich bei Georg Däges, im Alemannenmuseum
Ellwangen, einen Leierbaukurs. Die im Baukastensystem gebaute Leier stellt jedoch kein wirkliches
Replikat dar. Sie vereinigt lediglich die historische Form mit den modernen Erkenntnissen des Instrumentenbaus.
Entstanden ist ein äusserst ansprechendes und gut spielbares Instrument.
Joch und Zargen sind aus Eschenholz hergestellt, während beim Original Rücken,
Jochbogen und Zargen aus Eiche bestehen.
Fertige Leier, in der Form nach dem Fund in Oberflacht gestaltet, jedoch mit Stahlsaiten,
Rückseite aus Ahorn und Resonanzdecke aus Fichte.
Warnung des Bundesamtes für Gesundheit: Leiern zu bauen kann süchtig machen!
Auf jeden Fall ist es mir so ergangen.
Mein nächstes Ziel war es, eine Leier aus Originalmaterialien herzustellen, d.h. mit einem
Leierkörper aus Eiche und einer Resonanzdecke aus Ahorn. Dabei wählte ich jene aus
dem Schiffsgrab von Sutton Hoo, aus dem frühen 7. Jahrhundert, wobei ich mich bei
den Abmessungen weitgehend an das Original hielt, auch wenn ich mir für Saitenhalter
und Steg gewisse künstlerische Freiheiten erlaubte.
Fertige Leier im Stil von Sutton Hoo. Im Gegensatz zum Original erhielt die Leier
eine Kunstsaitenbespannung (Gitarre) und daher einen Sattel. Bei den
Bronzebeschlägen handelt es um umgearbeitete Fibeln von Reenactors.
Der Steg aus Knochen wiederholt die Adlerköpfe der Bronzebeschläge. Der
Saitenhalter besteht aus Horn.
Die Trossinger Leier als Meisterprüfung
Mit den gemachten Erfahrungen wagte ich mich an den Nachbau der
Trossinger Leier. Dieses Instrument, das im Frühjahr des Jahres 580 einem
vornehmen Alemannen mit ins Grab gegeben wurde, nimmt nicht nur
wegen seines hervorragenden Erhaltungszustandes eine Sonderstellung
unter den frühmittelalterlichen Leiern ein.
Vorder- (oben) und Rückseite (unten) der vollständig aus Ahorn gearbeiteten
Trossinger Leier nach der Restaurierung. Erhalten geblieben sind ebenso die Wirbel
und erstmals auch der Leiersteg aus Weidenholz (ohne Abb.).
Bild aus: Barbara Theune-Grosskopf; Die vollständig erhaltene Leier des 6. Jh.
aus Trossingen, Ldkr. Tuttlingen.
An der ältesten bekannten Leier des germanischen Kulturkreises, konnten
erstmals Schalllöcher nachgewiesen werden. Was sie aber von allen bisher
gemachten Leierfunden abhebt und zur eigentlichen Überraschung macht,
ist ihre vollflächige bildliche und ornamentale Verzierung im Tierstil II.
Die reichen Muster dürften mit einem scharfen, skalpellartigen Messer
in das Ahornholz geschnitten worden sein. In den eingeschnittenen Linien
konnten Reste von Pflanzenschwarz (Holzkohle) nachgewiesen werden. Somit
hoben sich die Verzierungen dunkel vom hellen Ahornholz ab.
Umzeichnung der Verzierungen auf Vorder- (oben) und Rückseite (unten) der
Trossinger Leier.
Bild aus: Barbara Theune-Grosskopf; Die vollständig erhaltene Leier des 6. Jh. aus
Trossingen, Ldkr. Tuttlingen
Die Rekonstruktion
Zunächst fertigte ich eine Schablone aus einem Stück Laminat, welche exakt den
Abmessungen des Originals entspricht.
Länge mit Endknopf 803 mm, Breite am Jochbogen 195 mm und am Ansatzder
unteren Querzarge 160 mm. Damit entspricht die Trossinger Leier einem
weitverbreiteten Grundmass. Alle frühmittelalterlichen Leiern weisen ähnliche
Dimensionen und einen auffallend flachen Schallkörper von lediglich 20 mm auf.
Anhand der Schablone gefertigter Leierkörper aus einem Stück Ahornbrett.
Der Jochbogen weist hinsichtlich der Zugkräfte der Saiten einen ungünstigen
Faserverlauf auf. Um einem Einreissen oder Brechen des Jochbogens entgegen zu
wirken, wurde er entsprechend verbreitert, was der damalige Handwerker mit einem
eleganten, geschwungenen Bogen bewerkstelligte.
Mit einer modernen Oberfräse ausgehöhlter Schallkörper. Deutlich sind die
Verdikkungen am unteren Querjoch und an der Endzarge des Schallkörpers
zu erkennen. Die darin angebrachten Bohrungen für zwei Buchendübel dienten
nachweislich nicht zur Befestigung der Decke.
Das Bild zeigt den rund 2 mm tiefen und 20 mm langen Absatz zur Auflage
der Resonanzdecke am massiv gearbeiteten Jocharm, der ebenfalls ausgehöhlt wurde.
Die späteren Wirbellöcher am elegant geschwungenen Jochbogen sind bereits
vorgebohrt. Die stufenartigen Absätze zwischen Jocharmen und Jochbogen
(Innenseite), sind etwas ausgeprägter ausgefallen als beim Original. Deutlich ist
auch der (negative) Faserlauf des Holzes zu erkennen.
Die Resonanzdecke, aus einer flachen Ahornplatte, weist an ihrer dicksten
Stelle 7 mm auf und verjüngt sich zu den Jocharmen und zur Endzarge
hin auf 1 mm.
Voll Durchgemustert
Sämtliche Versuche, die Muster in ein Ahornbrett zu schnitzen und
die Vertiefungen mit Holzkohlepulver zu verfüllen, schlugen fehl.
Mit zunehmender Resignation stieg die Bewunderung für den Künstler,
dem vor rund 1500 Jahren gelang, was mir versagt blieb. Der rettende
Tipp, das Muster einfach einzubrennen, kam von meiner Frau Godolewa.
Zunächst mussten sämtliche Ornamente massstäblich vergrössert und jedes
einzelne Muster auf Pauspapier übertragen werden, da keines der Muster identisch
ist – auch wenn das auf den ersten Blick so erscheinen mag. Anschliessend wurden
die Vorlagen einzeln auf den fertigen Leierkörper übertragen und eingebrannt.
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Zum Beispiel erscheint das Bandgeflecht mit den
diagonal versetzten Tierköpfen, auf der Rückseite der
Leier, nur auf den ersten Blick identisch. Das linke
Band besteht jedoch aus 12 und das rechte nur
aus 11 Windungen. Daher befinden sich links 24,
rechts jedoch nur 22 Köpfe.
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Das Übertragen der Muster – hier am Beispiel der Kriegerprozession – erfolgt
durch Abreiben der Pause mit dem Falzbein auf das Holz. Daher müssen die Linien
auch auf der Rückseite der Pause nachgezeichnet werden, ansonsten die Muster
Spiegelverkehrt erscheinen würden.
Fertig eingebrannte Kriegerprozession, Deutlich zu erkennen die zwei mal vier
Schallöcher, links und rechts der Lanze. Sie ist mit zwei lanzettenförmigen
Wimpeln geschmückt und wird von den Anführern links und rechts gehalten.
Eine kleine Auswahl der verschiedenen Ornamente an den Jocharmen.
Zwischen den Köpfen beim rechten Muster, ist das einzelne Schallloch von nur
5 mm Durchmesser zu erkennen.
Das flächendeckende (zoomorphe) Flechtband mit Schlangenköpfen auf der
Rückseite des Resonanzkörpers entsteht.
Das dunkle Schlangenornament auf dem hellen Holz besticht durch seine
Schönheit, so dass es kaum auffällt, dass sich der Künstler damals einen kleinen
Lapsus geleistet hat. Viel Spass beim Suchen.
Fertig verzierte Front- (oben) und Rückseite (unten) der Leier.
Das Bild mag verdeutlichen, wie massstäblich die Originalleier nachgebaut
wurde. Die einzige Abweichung am Steg betrifft die Zahl der Saitenkerben.
Während das Original sieben Kerben aufweist – obwohl die Leier nur mit
sechs Saiten bespannt war - wählte ich für meinen Steg sechs gerundete
Einkerbungen. Rund deshalb, weil dadurch die Darmsaiten geschont werden,
wenn ich meine Leier spielen möchte.
Aufgewirbelte Stimmung
Auf der Drehbank fertigte ich die Rohlinge für die Stimmwirbel, wobei ich alle sechs
Wirbel aus Eschenholz herstellte. Beim Original waren nur vier aus Esche und zwei
aus Haselholz.
Für die Herstellung der Stimmwirbelköpfe wird die Verdickung, im Verlauf der
Holzfasern, mit Hilfe eines Beitels gespalten.
Zuvor wurden die Stimmwirbel mit dem Wirbelschneider kalibriert und
anschliessend die vorgebohrten Wirbellöcher im Jochbogen mit einer Reibahle
passgenau aufgeweitet.
Während die Wirbelköpfe der Originalleier sehr unterschiedlich ausgeformt sind,
entschied ich mich aus rein praktischen Überlegungen den Typ Nr. a.5 für alle meine
Wirbel zu verwenden.
Zart besaitet
Nun gut, man(n) könnte Darmsaiten auch kaufen, aber das macht keinen Spass und
teuer sind sie oben drein. Schafsdärme gibt es überall dort, wo Würste (Wiener Würstel)
hergestellt werden. Lebensmitteltauglich, gereinigt und in Salzlake eingelegt kosten
90 Meter Gedärme 35.00 Schweizerfranken.
Ich weiss nicht ob diese Schafe einst an kargen Berghängen weideten* und das zähe
Futter durch diese Schläuche pressten? Ich weiss nur, daraus kann man gute Saiten
herstellen.
*Sollen die allerbesten Saiten hergeben!
Kaum wieder zu erkennen, die fertigen Darmsaiten!
Ganz in Weiss
Nebst der üppigen Verzierung fällt auf, dass die Leier, inklusive Steg und
Wirbel, gänzlich aus hellen Hölzern gefertigt wurde, womit sie sich zusätzlich
von den übrigen Leiern unterscheidet. Mit Weiss werden positive Attribute wie
Reinheit, Weisheit, Spiritualität und Heiliges assoziiert. Denken wir dabei an
die weiss gekleideten Frauen, die Seherinnen der Germanen, denen Tacitus
ein ‚sanctum’ zuordnet.
War die Trossinger Leier mehr als nur ein Zupfinstrument, das den Sänger zu
Heldenliedern begleitete?
Wurde die Darstellung der zwölf Krieger – bisher einzigartig in der Alemannia - an
christliche Motive angelehnt? Bekannt sind zum Beispiel Darstellungen der zwölf Apostel,
mit einem Kreuz in der Mitte, anstelle der Lanze. Zufall oder doch ein ‚sakrales’ Instrument?
Apostelsarkophag mit Kreuz und Ehrenkranz aus Palermo, mit einer vergleichbaren
Darstellung. Die beiden vorderen Apostel, Petrus und Paulus, berühren
den Kranz (um 500 n. Chr.)
Kriegerprozession auf dem merowingerzeitlichen Helm von Vendel, Grab 14.
Eine ähnliche Prozession ist auch auf dem Helm von Valsgärde 7 dargestellt.
Übereinstimmend mit der Trossinger Leier halten die Krieger auf beiden Helmen die
Lanze gesenkt, also mit der Spitze nach unten.
Bilder aus: Barbara Theune-Grosskopf; Die vollständig erhaltene Leier des 6. Jh.
aus Trossingen, Ldkr. Tuttlingen
Unvermittelt drängt sich die Frage auf, ob die Kriegerprozessionen nicht
einer weitaus älteren, heidnischen Zeremonie oder Kulthandlung entsprechen?
Somit könnten christliche Prozessionen kaum Ursprünglichkeit für sich
beanspruchen sondern stellten lediglich ein Weiterführen alter Traditionen mit
anderem Etikett dar. Wer die Geschichte kennt, muss das bejahen. Beispiele dafür
gibt es genug.
Immer die selbe Leier
Die Geschichte der Leier ist lang, auch wenn Saiteninstrumente geschichtlich zu den
jüngeren Erfindungen zählen. Die Anfänge lagen bei den Ägyptern, Sumerern und
Griechen. Die älteste erhaltene Leier gehörte der sumerischen Königin Pubai und
ist immerhin 4’500 Jahre alt. Seit dem 7. vorchristlichen Jahrhundert ist sie bei den
Kelten und damit in Europa bekannt und hielt sich vom 6. nahezu unverändert bis
ins 11. Jahrhundert.
König David mit Musikanten beim Leierspiel. Aus dem Vespasian-Psalter,
der ältesten erhaltenen Übersetzung vom Latein ins Altenglische. Entstanden
zwischen 820 und 850 n. Chr.
Auch wenn Heute die sechssaitigen Instrumente einen Hals haben und man sich
ACDC ohne sie nicht vorstellen könnte, so bleibt die alte Leier doch ein besonderes
Instrument. Nur ihr unvergleichlich warmer Klang vermag Lyrik zu erzeugen! -
Woher sonst leitet sich der Begriff wohl her?
Es ist faszinierend, ein Instrument wieder zum Leben zu erwecken und denselben
Klängen zu lauschen, wie einst unsere Urahnen vor beinahe 1500 Jahren.
(Klangbeispiel von Edmund Baur)
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