Die Frühmittelalterliche Schreibkunst
Gab es im frühen Mittelalter überhaupt eine Schreibkunst? Obwohl aus dem
„Dunklen Zeitalter“ oder „Dark Age“, wie die Zeitspanne zwischen Spätantike
und Mittelalter genannt wird, verhältnismässig wenige Schriften vorhanden sind,
so möchte ich diese Frage dennoch bejahen.
Es sind aus dieser Zeit nicht nur Gesetzestexte und Verträge überliefert,
sondern auch Chroniken sowie profane und sakrale Texte. Einer der für
uns wichtigen Autoren möchte ich an dieser Stelle besonders erwähnen:
Gregor von Tours. Der aus dem Senatorenadel stammende Gregor wurde
am 30. November 538 oder 539 in Averna, dem heutigen Clermont-Ferrand
geboren. Im Jahr 573 wurde der später heilig gesprochene Gregor zum
Bischof von Tours ernannt. Gregor war Kirchengeschichtler und Historiker.
Sein berühmtes Werk über die Merowingerdynastie, die „Historia Francorum“
ist ein wichtiges literarisches Bindeglied zwischen Spätantike und beginnendem
Mittelalter.
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Ausschnitt aus der „Historia Francorum“
des Gregor von Tours.
Bild: „Praevatio“ von Gregor von Tours,
aus der digitalen Sammlung der Universität
Heidelberg
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Aus dem Muttergestein gesinterter
Melanterit oder Eisen(II)sulfat (grün).
Foto aus dem Tagbaugelände von „Brunita“
in La Union, Spanien.
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Eisen(II)sulfat, oder auch Blausalz genannt, wird
der Polyphenollösung zugegeben, worauf ein
blauschwarzer Niederschlag entsteht.
(Polyphenollösung siehe Galläpfel.)
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Galläpfel entstehen durch das Gelege von 1 bis 5 mm grossen Gallwespen
in dünnen Ästen und Blättern von Pflanzen.
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Die Gallwespenlarven regen die Pflanze durch die
Abgabe von Sekreten zur Bildung der Galläpfel an.
Diese reifen in 3 bis 6 Monaten heran und bergen
in ihrem hohlen Inneren die Larve.
Foto: Gemeine Eichengallwespe.
Universität Hamburg, Bereich Biologie.
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Für die Tintenherstellung werden die
besonders gerbstoffreichen Galläpfel
der Eiche verwendet. Sie enthalten
über 50% Tannin (Gerbstoff),
sogenannte Polyphenole.
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Die Galläpfel werden im Mörser zerstossen, zunächst in Wasser
eingelegt und anschliessend aufgekocht. Beim gefilterten Sud mit
den gelösten Gerbstoffen handelt es sich um eine Polyphenollösung.
Durch Beigabe von Eisen(II)sulfat entsteht die zunächst farblose
Eisengallustinte. Erst durch Oxydation an der Luft entsteht die
beinahe schwarze Tinte.
Als Bindemittel wurde seit alters her ein besonderer Pflanzengummi,
der als GummiArabicum bekannt ist, verwendet. Beim Gummi Arabicum
handelt es sich um den austretenden Saft (Exsudat) der Verek-
Akazie und der Seyal-Akazie (Bild). Der Pflanzensaft wird getrocknet und
als Granulat oder Pulver gehandelt. Gummi Arabicum ist ein natürliches
Polysacharid und findet auch als Lebensmittelzusatzstoff (E414) Verwendung.
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Bild links: Abbildung des Blüten- und Fruchtstandes
der Senegal- oder Seyal-Akazie.
Aus Koehler 1887
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Durch die Beigabe von Gummi Arabicum erhält die Tinte die zum Schreiben nötige
Viskosität und Stabilität.
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Gummi Arabicum als getrocknetes
Granulat.
Gummi Arabicum löst sich gut in
warmem Wasser.
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„Rezepte fuer die Herstellung einer vorzueglichen Dinte“:
| Rezept 1: |
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Rezept 2 : |
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Nimm den vierten tail aines mass wasser, oder wein,
und einlot galla romana,wohl gestossen, und legs
in das wasser, und setz es zum fewer das es
siede,ain halb stundt, darnach thue ain lot
gummi arabicum wohl gestossen darein, und
ruers undereinander. Lass ain claine weil
sieden,darnach leg ein lot vitriol wohl
gestossen darein, und ruer es wohl
undereinander, und nimms war das
es nit uberlauf.
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1 Mass sauberes Regenwasser
9 Lot Gallaepfel grob gestossen
4 Lot Gummi Arabicum
Lass es drei Tage stehen
4 Lott Vitriol
1 halbes Lot Alaun
1 Glas Essig
1 Loeffel Salz
Ruere es wohl undereindander,
stelle es 14 Tage warm und alle Tage einmal umrueren.
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Rezept 3 :
1 Teil Gummi Arabicum
2 Teile Vitriol
3 Teile Gallaepfel
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Das erste Rezept stammt aus dem Heidelberger Codex, das zweite aus der Berner Handschrift
von Chr. Rubi und letzteres nach Prof. Dr. med. P. Canneparius, Venedig um 1600.
Zunächst bedürfen die alten Massangaben einer Erklärung:
1 Lot entspricht 15,63 Gramm
1 Mass – je nach Gegend – zwischen 1,5 und 1,78 Liter
Bei der Verwendung von Wein, der in verschieden Rezepten zur Tintenherstellung
vorkommt, ist zu bedenken, dass der Wein damals in Eichenfässern gekeltert
wurde und daher mit Gerbstoffen angereichert war. Für eine heutige Verwendung
kämme daher nur ein sogenannter Barrique in Frage. Um ein Schimmeln der
Tinte zu verhindern wurde die Zugabe einer Gewürznelke, oder das
Bestreichen des Gefässinneren mit Mastixfirnis empfohlen.
Der Gänsekiel
Gänsefedern waren nicht nur Namen gebend für die Schreibfedern
unserer Zeit, sondern das damalige Schreibutensil schlechthin –
mit Ausnahme des Schilfrohrs.
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Rohstofflieferanten für Dau-nenkissen,
Bogenschützen und Schreiberlinge.
Als Schreibfedern wurden nur die 5 äussersten
Federn der Handschwingen verwendet.
Bevorzugt waren die zwischen Mai und Juni
ausgefallenen Federn, da sie gut durchwachsen
und stark waren.
Foto aus der Pressemitteilung:
10 Jahre Dangelhof, 10 Jahre Freilandgeflügel
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Als erstes wird der Kiel, bzw.
die Spule von der äusseren
Haut befreit um die Anhaftung
der Tinte zu verbessern. Die
Spule wird über glühender
Kohle erwärmt und gedreht
und die Haut mit dem
Messerrücken abgeschabt.
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Durch das Erwärmen, das auch in heissem Sand erfolgen kann, wird
die Spule schön gerundet und gehärtet. Es bestand auch eine Variante,
bei der die Kiele zusätzlich in heissem Alaunwasser eingeweicht und
dadurch durchsichtig hell wurden (sogen. Glasspulen).
Eine vorbereitete und zwei gebrauchsfertige Schreibfedern. Das Zuschneiden der
Kiele erfordert etwas Geduld und Geschick, damit daraus auch wirklich ein
gebrauchsfähiges Schreibzeug wird. Für eine bessere Handhabung wurde bei
den abgebildeten Federn die Fahne im unteren Teil gestutzt.
Spätantike, frühmittelalterliche Buchschrift
Die Unziale (Majuskel) entspricht – mit kleinen Abweichungen -
ziemlich genau derSchriftform, wie sie von Gregor von Tours
in seiner „Historia Francorum“ verwendet wurde. Auffallend
bei Gregor von Tours ist die Verwendung unterschiedlicher
Buchstabenformen, je nach dem, ob sie im Fliesstext, in
Untertiteln oder in Titeln verwendet werden.
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Merowingerzeitlicher Schrifttyp
aus:
http://www.obib.de/bibliothek.php
Unter der Rubrik „Alte Schriften“
sind viele interessante Beispiele
zu finden. Stöbern lohnt sich!
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Zum Vergleich:
Ausschnitt „Liber I“, aus der
„Historia Francorum“ des
Gregor von Tours.
Digitale Sammlung
der Universität Heidelberg
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Deutlich zu erkennen ist die Verwendung der unterschiedlichen
Schrifttypen in Titel und Fliesstext. Um die feuchte Tinte auf
dem Dokument schneller zu trocknen, bzw. überschüssige
Tinte aufzusaugen, wurde in Ermangelung von Löschpapier
sehr feiner Streusand verwendet.
Das Pergament
Die ältesten Pergamentfunde stammen aus Ägypten und
werden auf 2700 v. Chr. datiert. Der Begriff „Pergament“
ist jedoch viel jünger und leitet sich von der antiken
Küstenstadt Pergamon in Kleinasien (Anatolien) ab, in
der es zwar nicht wie oft behauptet wird erfunden, dort
aber deutlich verbessert wurde.
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Modell der Stadt Pergamon, welche die
zweitgrösste Bibliothek der damaligen
Welt beherbergte. Angeblich wurden in
ihr über 200'000 Bücher aufbewahrt. Sie
wurde nur noch durch die berühmte
Bibliothek in Alexandria übertroffen.
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Wie der römische Geschichtsschreiber Plinius der Ältere berichtet, gab es
zwischen den hellenistischen Königen Eumenes II. von Pergamon und
Ptolemäus Epiphanes von Ägypten, im 2. Jahrhundert v. Chr. ein Prestigeduell
um die grösste Bibliothek der damaligen Welt.
Damit Eumenes II. die Bibliothek von Alexandria nicht übertreffen konnte,
erliess Ptolemäus Epiphanes ein Exportverbot für Papyrus, dem damals
gebräuchlichen Schreibmaterial. Daraufhin wurde in Pergamon das Pergament
als brauchbare und bald sogar als bessere Alternative zum Papyrus
(weiter-) entwickelt.
Pergament löste letztlich den Papyrus ab, da es biegsamer, haltbarer und
auch wieder verwendbar ist. Letzteres wird erreicht, indem der alte
Text mit Bimsstein abgeschliffen und neu überschrieben wird. Den
Vorgang nennt man Palimpsestieren.
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Für die Pergamentherstellung wurden die
Häute von Kalb, Ziege oder Schaf verwendet.
Im Gegensatz zum Leder wird die Haut
nicht gegerbt, sondern in Kalkwasser
eingeweicht. In dieser Lauge lösen sich
die Haarwurzeln.
An der aufgespannten Haut werden
Fett- und Fleischreste, sowie die Haare
abgeschabt.
Bild: Pergamentherstellung um 1568. Aus Wikipedia.
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Übrigens: Laut dem lateinischen Autor Aulus Gellius, soll die Bibliothek von Alexandria
- vor dem cäsarischen Brand - stolze 700'000 Rollen umfasst haben, was ungefähr
140'000 modernen Büchern entspräche. Wie viele Rollen während der alexandrinischen
Kriege jedoch einem Brand zum Opfer fielen, darüber gibt es verschiedene und
widersprüchliche Angaben.
Als im Jahr 642 n. Chr. Alexandria durch den Kalifen Umar Ibn al-Chattab erobert wurde,
sei jener Teil der Bücher vernichtet worden, die dem Koran widersprochen hätten.
Ein kleiner Teil sei zuvor jedoch gerettet und nach Konstantinopel verbracht worden,
von wo einige Bücher in den Westen gelangten. Spätere christliche Eroberer hätten in
Alexandria letztlich noch jene Schriften vernichtet, die der Bibel widersprachen. So sei
von der einst stolzen Sammlung nichts mehr geblieben und altes Wissen für immer
verloren gegangen.
Blickt man um sich, ist man geneigt dieser nicht belegten Fassung des Untergangs
der grossen Bibliothek von Alexandria Glauben zu schenken. Denn noch immer
sind es die Dümmsten, die unerträglich laut und frevelnd durch die Welt ziehen.
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Brand der Bibliothek von Alexandria
während den alexandrinischen Kriegen,
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Beitrag von Peter Mäder
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